Im Hegau-Bodensee-Raum gibt es bereits zahlreiche Beispiele dafür, wie offene Kommunikation zwischen den Vereinen, Zweitspielrechte und unterschiedliche Leistungsangebote dazu beitragen können, Talente entsprechend ihrem individuellen Entwicklungsstand zu fördern. Dabei geht es nicht darum, Spieler möglichst früh an einen bestimmten Verein zu binden. Vielmehr sollte gemeinsam die Frage beantwortet werden: Welcher Weg ist für den einzelnen Spieler zum jeweiligen Zeitpunkt der richtige?
Ein regionales Ausbildungsnetzwerk statt starrer Grenzen
Nicht jeder Verein kann in jeder Altersklasse allein das passende sportliche Niveau, die notwendige Breite auf allen Positionen oder ausreichende Spielanteile für jeden Spieler gewährleisten. Gleichzeitig ist es gerade für junge Spieler wichtig, möglichst lange die Verbindung zu ihrem Heimatverein und ihrem gewohnten sozialen Umfeld zu behalten. Genau hier setzt eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit innerhalb der Region an. Der TuS Steißlingen pflegt deshalb auf unterschiedlichen Ebenen den Austausch und die Zusammenarbeit mit Vereinen aus der Umgebung. Dazu zählen unter anderem der HSC Radolfzell, die SG Rielasingen/Gottmadingen (RiGo), die HSG Konstanz, der TV Ehingen, der TV Überlingen und der TSV Bodman.
Wie wichtig ein regelmäßiger Austausch dabei ist, zeigte sich beispielsweise auch im vergangenen Sommer: In einem Gespräch mit HSG-Geschäftsführer André Melchert wurden die bestehende Zusammenarbeit reflektiert, gemeinsame Synergien diskutiert und weitere Potenziale für die zukünftige Entwicklung ausgelotet.
Darüber hinaus bestehen freundschaftliche Kontakte unter anderem nach Rietheim, zur HSG Baar sowie zu den Kadetten Schaffhausen. Im Mittelpunkt steht dabei weniger ein formales Partnerschaftsmodell als vielmehr die Idee eines funktionierenden regionalen Ausbildungsnetzwerks. Die Vereine bleiben miteinander im Gespräch und suchen gemeinsam nach Lösungen, die den Spielern den jeweils sinnvollsten nächsten Entwicklungsschritt ermöglichen, ohne dabei die Verbindung zu ihrem Heimatverein unnötig früh zu verlieren.
Was ein solches Ausbildungskonzept leisten soll
Ein gemeinsames regionales Ausbildungskonzept soll:
passende Trainings- und Spielangebote für den individuellen Entwicklungsstand schaffen
Zweitspielrechte transparent und im Austausch mit den beteiligten Vereinen gestalten
Talente fördern, ohne sie unnötig früh aus ihrem sozialen und sportlichen Umfeld zu lösen
Spielern auch dann eine Perspektive ermöglichen, wenn der Heimatverein in einer Altersklasse nicht das passende Leistungs- oder Mannschaftsangebot bereitstellen kann
Übergänge zwischen Jugend- und Aktivbereich gemeinsam begleiten
Trainerwissen, Spielpraxis und Entwicklungsimpulse in der Region besser miteinander vernetzen
gegenseitiges Vertrauen zwischen den Vereinen schaffen
Das gemeinsame Ziel sollte dabei immer sein, möglichst vielen Jugendlichen langfristig Freude am Handball zu erhalten und ihnen gleichzeitig die bestmögliche sportliche Entwicklung zu ermöglichen.
Dass diese Form der regionalen Talentförderung keine Theorie ist, zeigen zahlreiche aktuelle Spielerwege. Sie machen gleichzeitig deutlich, dass Entwicklung nicht nur in eine Richtung stattfindet.
Jahrgang
Spieler
Ausbildungsweg
2008
Emil Nufer
HSC Radolfzell → TuS A-Jugend
2008
Tim Boddin
RiGo → HSG Konstanz → TuS A-Jugend
2008
Felix Ring
RiGo → TuS A-Jugend
2008
Luis Stoller
TSV Bodman → TuS → HSG Konstanz A-Jugend
2009
Lasse Topp
RiGo → TuS A-Jugend
2009
Janis Mühlich
HSC Radolfzell → HSG Konstanz → TuS A-Jugend
2009
Julian Bergmann
RiGo → TuS A-Jugend
2010
Jona Stoller
TSV Bodman → TuS → HSG Konstanz B-Jugend
2010
Erik Köhler
HSC Radolfzell → TuS B-Jugend
2011
Julius Scherer
TSV Bodman → TuS B-Jugend
2012
Luca Geissler
TV Ehingen → TuS C-Jugend
2012
Liam Bergmann
TuS → Kadetten Schaffhausen
2012
Nick Stoller
TSV Bodman → TuS C-Jugend
2012
Leo Mendler
TSV Bodman → TuS C-Jugend
2012
Theo Schoch
TSV Bodman → TuS C-Jugend
Julius Scherer, seit der C-Jugend beim TuS, kam vom TSV Bodman
Diese Beispiele zeigen sehr schön, dass unterschiedliche Wege möglich sind. Spieler kommen zum TuS, um dort ein für sie passendes sportliches Angebot zu nutzen. Gleichzeitig wechseln Spieler vom TuS zu anderen Vereinen oder Leistungszentren, wenn dort der nächste sinnvolle Entwicklungsschritt möglich ist. Genau dieses Denken in individuellen Spielerwegen sollte die Grundlage regionaler Talentförderung sein.
Liam Bergmann als Beispiel für einen individuellen Leistungsweg
Der Weg von Liam Bergmann zeigt, dass für einzelne Talente auch der Schritt in ein Leistungszentrum die passende nächste Entwicklungsstufe sein kann. Ausgehend vom TuS Steißlingen führte sein Weg zu den Kadetten Schaffhausen, wo er zusätzliche leistungsorientierte Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten erhält. Dieser Weg ist kein allgemeines Modell, das auf jeden Spieler übertragen werden kann. Vielmehr ist er ein Beispiel dafür, wie eine individuelle Lösung aussehen kann, wenn sportliche Entwicklung, persönliches Umfeld und langfristige Perspektive zusammenpassen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Frage, welcher Verein einen Spieler für sich gewinnen kann, sondern: Welche Förderung benötigt der Spieler aktuell? Welche Spielpraxis ist sinnvoll? Und wo findet er das Umfeld, in dem er sich sportlich wie persönlich bestmöglich weiterentwickeln kann?
Liam Bergmann, ein aufstrebender talentierter Handballtorwart
Dialog statt Abwerbung
Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist Vertrauen zwischen den Vereinen. Bereits vor zwei Jahren haben Verantwortliche des TuS Steißlingen gemeinsam mit Vertretern des TV Ehingen, der SG Rielasingen/Gottmadingen und des HSC Radolfzell an einem Tisch gesessen. Dabei wurde offen angeboten, Spielern, für die in ihrem jeweiligen Verein zeitweise kein passendes sportliches Angebot vorhanden ist, Entwicklungsmöglichkeiten beim TuS zu geben. Wichtig war und ist dabei die Transparenz: Spieler sollen nicht hinter verschlossenen Türen angesprochen werden. Vielmehr sollen mögliche Ausbildungswege offen mit den beteiligten Vereinen besprochen werden. Ebenso pflegt der TuS seit vielen Jahren einen engen Austausch mit den Verantwortlichen des TV Überlingen und des TSV Bodman. Dadurch konnten in den vergangenen Jahren Spieler aus verschiedenen Vereinen der Region beim TuS ihrem Hobby weiter nachgehen und sich sportlich entwickeln. Auch nach Rietheim und zur HSG Baar bestehen freundschaftliche Kontakte. Diese haben unter anderem bereits zu gegenseitigen Testspielen in der Saisonvorbereitung im B- und C-Jugendbereich geführt. Diese Kontakte zeigen: Zusammenarbeit muss nicht überall gleich aussehen. Entscheidend sind Vertrauen, offene Kommunikation und die Bereitschaft, gemeinsam Lösungen für junge Handballer zu finden.
Vom Austausch zum gemeinsamen Ausbildungskonzept
Der nächste Schritt sollte sein, die bereits gelebte Praxis noch stärker als regionales Ausbildungskonzept zu verstehen. Viele Grundlagen dafür sind bereits vorhanden: persönliche Kontakte zwischen Trainern und Verantwortlichen, offene Gespräche über Spielerwege, Zweitspielrechte, gemeinsame Lösungen und sportlicher Austausch. Darauf lässt sich aufbauen. Die Idee ist nicht, bestehende Vereinsstrukturen aufzulösen. Im Gegenteil: Starke Heimatvereine sind die Grundlage einer starken Handballregion. Gleichzeitig sollten Vereinsgrenzen dort durchlässig sein, wo ein junger Spieler aufgrund seiner individuellen Entwicklung ein anderes oder zusätzliches Angebot benötigt. Ein regionales Netzwerk kann dazu beitragen, dass Spieler nicht verloren gehen, Talente angemessen gefördert werden und gleichzeitig möglichst viel handballerische Qualität in der Region erhalten bleibt. Auch der Übergang in den Aktivbereich sollte dabei mitgedacht werden. Nicht jeder Spieler entwickelt sich zur gleichen Zeit und nicht für jeden jungen Erwachsenen ist derselbe sportliche Weg richtig. Auch hier können unterschiedliche Spielklassen und Vereinsangebote innerhalb der Region Möglichkeiten eröffnen.
Der gemeinsame Maßstab: die Entwicklung der Spieler
Eine starke Handballregion entsteht nicht dadurch, dass jeder Verein ausschließlich für sich denkt. Sie entsteht, wenn Vereine ihre jeweiligen Stärken einbringen, Ausbildungsangebote ineinandergreifen und Trainer und Verantwortliche offen miteinander kommunizieren. Vor allem aber entsteht sie dann, wenn bei sportlichen Entscheidungen nicht zuerst der Verein, sondern der junge Mensch und seine Entwicklung im Mittelpunkt stehen. Der TuS Steißlingen möchte diesen Weg gemeinsam mit den Vereinen der Region weiterentwickeln: partnerschaftlich, transparent und mit gegenseitigem Respekt. Denn am Ende verfolgen alle dasselbe Ziel: möglichst viele Kinder und Jugendliche für den Handball zu begeistern, ihnen eine sportliche Heimat zu geben und talentierten Spielern den für sie passenden Weg zu ermöglichen.
Gemeinsam für die Spieler. Gemeinsam für eine starke Handballregion.

















